Es war einmal eine mit Kalk bedeckte Wand. Dahinter hatte die Zeit Farben, Gesichter und Geschichten versteckt.
Als das Licht wieder auf sie fiel, kamen die Fresken von Cristoforo II Baschenis, einem wandernden Maler aus dem Brembana-Tal, der ursprünglich aus Averaria stammte, wieder zum Vorschein. So erzählte die Kirche Santi Rocco e Sebastiano in San Lorenzo in Banale wieder ihr Geheimnis.
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Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts durchstreiften Cristoforo und seine Familie die Täler des Trentino und hinterließen überall ihre Spuren. Einfache und unmittelbare Szenen des Glaubens, geschaffen, um die Herzen derer anzusprechen, die weder lesen noch schreiben konnten. Mit Erd- und Kalkpigmenten und mit langsamen, präzisen Gesten verwandelten die Baschenis die Wände der Kirchen in Seiten eines großen Bilderbuchs. Ihre Gemälde waren eine „Bibel der Armen”, in der jede Farbe und jede Geste Hoffnung und Hingabe erzählten.
Unter den vielen Szenen in der kleinen Kirche San Lorenzo fällt eine sofort ins Auge: das Abendmahl. Aber etwas stimmt nicht. Um Jesus herum sitzen dreizehn Apostel, einer zu viel. Ein Fehler? Vielleicht nicht. Für einige ist der dreizehnte Apostel Christus selbst, der sich neben dem Meister als Zeichen der Hingabe abbilden lässt; für andere ist es Matthias, der Apostel, der Judas ersetzen sollte. Letztendlich spielt es keine Rolle, ob es zwölf oder dreizehn sind: Dieser zusätzliche Apostel scheint zu sagen, dass am Tisch des Herrn Platz für alle ist, dass die Erlösung niemanden ausschließt.
Und genau dieser Tisch birgt eine weitere Überraschung. Zwischen Brot und Weinkelchen erscheinen rote, glänzende Flusskrebse. Niemand würde erwarten, sie in Jerusalem zu finden, doch hier spielen sie eine Hauptrolle. Sie sind keine dekorative Zierde, sondern ein tiefgründiges Symbol: Das Rot erinnert an die Passion Christi, während ihre Rückwärtsbewegung zum Bild der Auferstehung, der Rückkehr zum Leben wird. Die Nahrung aus den Bächen des Trentino wird so zu einer Parabel des Glaubens.
Heute erzählen diese wieder ans Licht gekommenen Fresken noch immer von der schlichten und aufrichtigen Kraft der Malerei der Baschenis. Angesichts der heiteren Gesichter der Apostel und der roten Flusskrebse beim letzten Abendmahl scheint man fast die Stimme von Cristoforo flüstern zu hören: „Ihr haltet euch zu sehr mit dem Äußeren auf und seht nicht mehr tiefer.“
Eine Einladung an alle, die diese kleine Kirche betreten, zu beobachten und sich überraschen zu lassen. Denn wie die Kunst offenbart sich auch der Glaube nur dem, der wirklich sehen kann, und erfordert aufmerksame Augen, die in den bescheidensten Details das Spiegelbild des Göttlichen entdecken können.
Die Kirche Santi Rocco e Sebastiano ist ein Muss für alle, die Kunst und die in kleinen Orten verborgene Schönheit lieben. Hier kann sogar ein Fresko eine Geschichte erzählen, die die Jahrhunderte überdauert hat.